Matriarchale Gesellschaften

Referentinnen: Dr. Barbara Pade-Theisen und Gisela Lässig; Referentinnen für moderne Matriarchatsforschung (Internationale Akademie HAGIA)

Die Referentinnen sind der Auffassung, dass der Aufbau einer freien, basisdemokratischen Gesellschaft nach ökologischen Gesichtspunkten von erfüllenden menschlichen Beziehungen innerhalb der kleinsten sozialen Einheit ausgehen muss. Bei uns ist diese kleinste gesellschaftliche Einheit die Kleinfamilie von Vater, Mutter, Kind – die „Keimzelle des Staates“ mit ihrem hierarchischen patriarchalen Charakter. Sie aber steckt u. E. in der Krise.

Daher möchten wir Sie bekannt machen mit einer Alternative menschlichen Zusammenlebens in der Vergangenheit und teilweise auch in der Gegenwart: die matriarchale Gesellschaftsordnung. Sie war mindestens 5000 Jahre prägend für die Europäische Kultur und deren Natur-Verständnis – länger also als unsere derzeitige patriarchale Ordnung (in Mitteleuropa ca. 3000 Jahre alt).

In den nach der Mutterlinie ausgerichteten Verwandtschaftsgruppen ist jeder Mensch geboren und geborgen in einer Gemeinschaft, in der die mütterlichen Werte von bedingungsloser Zuwendung, Fürsorge, Nähren, Gleichwertigkeit, Friedfertigkeit und Integrieren gelebt werden. Sie gelten als Richtschnur für das Handeln aller: Mädchen wie Buben, Männer wie Frauen.

Matriarchale Menschen sehen sich z.B. nicht getrennt von der Natur, sondern als Teil von ihr, als ihre Kinder. Bei den Minangkabau auf Sumatra heißt es: “Die Natur ist unsere Lehrerin“. Das Hervorbringen, Heranwachsen, Her-Schenken, Beschützen der Keimlinge (des noch Schwachen) in der Natur betrachten sie als erstrebenswerte Maxime für ihren Klan und ihre ganze Kultur. Und das lehren sie ihre Kinder. Die Mädchen schöpfen daraus Identifikation und Selbst-Vertrauen. Und die Buben ebenfalls, sie müssen sich nicht von mütterlichen Werten abwenden, um ein „richtiger Mann“ zu werden. Unter solchen Bedingungen begegnen matriarchale Menschen der Natur mit Respekt und Ehrfurcht und sehen sie nicht als auszubeutende profitable Ressource.

Die Referentinnen werden auf die matriarchalen sozialen Beziehungen eingehen, auf die ökonomischen Strukturmerkmale (kein Privateigentum an Land; meist Subsistenzwirtschaft; Gaben-Ökonomie), auf die politischen (Entscheidungsfindung durch Konsens, keine übergeordnete Staatsgewalt) und auf die weltanschaulichen (Wiedergeburtsglaube, Verehrung der AhnInnen, Naturverbundenheit). Auch möchten wir die Frage erörtern, ob und wie matriarchale Lebensweisen in unser jetziges Leben integriert werden könnten (Matriachatspolitik nach Heide Göttner-Abendroth).

Das neue basisdemokratische, Geschlechter-egalitäre Gesellschaftsmodell in Rojava (Nordsyrische Konföderation) trägt Züge matriarchaler Lebenspraxis und hat Anziehungskraft auf viele, vorwiegend junge Menschen in Europa.

Wenn wir den sozialen Umbau schaffen, d.h. unsere sozialen Bedürfnisse nach Zuwendung und Dazugehören wieder erfüllt werden, wird es uns leichter fallen, unseren monströsen Über-Konsum aufzugeben und alle Energie und Intelligenz dafür einzusetzen, zugunsten der Ökologie zu retten, was noch zu retten ist.

Wir freuen uns auf die Diskussion mit Euch/Ihnen.